
… ist die Stöckig Union 27.
Und die ist in Wirklichkeit eine Ernemann HEAG VI. Es gibt keinen Kamerahersteller namens Stöckig; Stöckig war kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert eines der größten Versandhandelsunternehmen Deutschlands und hatte in seinen Katalogen verschiedene Kameramodelle von Ernemann, die es zwischen 1905 und 1926 unter dem eigenen Markennamen „Stöckig Union“ vertrieb.
Nach der Seriennummer des Objektivs meiner Kamera, eines exzellenten Goerz Dagor 6,8/120mm, wurde meine zwischen 1905 und 1908 gebaut, was sie zugleich zu einer der ältesten Kameras in meiner Sammlung macht. Der Verschluss ist ein Ernemann „Bob“-Verschluss, der äußerlich und technisch dem verbreiteten Bausch & Lomb „Unicum“ ähnelt.

Die luxuriöse Ausstattung mit rotem Balgen und goldfarbenem Verschlussgehäuse war wohl den Kunden der Fa. Stöckig vorbehalten. Die Ernemann HEAG VI, wie sie vom Hersteller ausgeliefert wurde, sah prosaischer aus:

Die Kamera ist eine Zweiverschlusskamera; neben dem Zentralverschluss gibt es vor der Mattscheibe einen Schlitzverschluss. Für schnelle Zeiten konnte der Schlitzverschluss verwendet werden, dessen Verschlusszeiten durch Änderung der Schlitzbreite und der Spannung der Aufzugsfeder geändert werden kann. Die Einstellung der Schlitzbreite erfolgt bei geöffneter Rückwand durch Sichtkontrolle des Schlitzes mit Hilfe einer links im Gehäuse angebrachten Skala; die Einstellungen sind auf dem Verschlusstuch aufgedruckt.

Der Drehknopf für die Vorspannung des Verschlusses ist rechts unten am Gehäuse zu sehen. Ausgelöst wird der Schlitzverschluss mit dem länglichen Hebel oben rechts gleich unter dem Aufzugsrad. Die Schlitzbreite wird mit dem Einstellrad auf der linken Seite verstellt, das ist hier aber nicht zu sehen.
Damit der geschätzte Stöckig-Kunde auch wusste, was er da in Händen hielt, hat der Hersteller sich ebenfalls auf dem Verschlusstuch verewigt:

Ich habe bei meiner Stöckig Union 27 den Schlitzverschluss repariert, indem ich neue Verschlussbänder eingezogen habe; mechanisch geht er wieder fast wir neu, aber die Tücher sind so löchrig, dass man den Verschluss nicht für die Fotografie nutzen sollte. Für die Fotografie ist aber der Bob-Verschluss noch sehr gut geeignet. Natürlich gehen die über eine pneumatische Verschlussbremse gesteurten Zeiten heute trotz gründlicher Wartung des Verschlusses komplett nach dem Mond, aber annäherungsweise lassen sich die Zeiten schätzen und scheinen konsistent zu sein (ich muss den Verschluss mal durchmessen, wenn ich ernsthaft damit fotografieren will).
Jedenfalls habe ich nach erfolgter Reparatur mal ein paar Bilder damit belichtet, und siehe da: Die Kamera macht richtig gute Bilder!


Die Bilder haben Bewegungsunschäfe – es war etwas windig am See, sind aber ansonsten schön scharf (was man den Scans nicht so recht ansieht.
Ist das nicht cool, dass man mit sowas noch Bilder machen kann?