Steinheil-Objektive mit M39-Schraubanschluss

Heute sind die 1855 als „Optisch-astronomische Anstalt C. A. Steinheil & Söhne“ gegründeten „Optischen Werke C. A. Steinheil Söhne GmbH“ vor allem noch Sammlern ein Begriff; in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Steinheil aber einer der großen Namen unter den Objektivherstellern und hat damals berühmte Objektivdesigns wie zum Beispiel das „Periskop“ als erstes symmetrisches Objektiv, oder den „Aplanat“, den „Orthostigmat“ oder das „Unofocal“ geschaffen. All diese Objektive waren für größere Bildformate vorgesehen.
Der Siegeszug der Kleinbildkamera ist dann aber auch an Steinheil nicht spurlos vorüber gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Steinheil Objektive für verschiedene deutsche Kamerahersteller geliefert, etwa für Adox, Carl Braun (Paxette), Iloca etc, aber auch für Exakta und mit Standardanschlüssen wie M42 und eben auch mit einem Gewinde M39 x 26 – das ist das Leica-Schraubgewinde, neudeutsch LTM (= Leica Thread Mount).
Steinheil hat sich für kurze Zeit auch als Kamerahersteller versucht, 1948 mit der Casca I und 1949 mit der Casca II, einer außerordentlich innovativen Kamera hoher Qualität, die einige Eigenschaften der Leica M3 vorweg nahm (und die heute selten ist und auf dem Gebrauchtmarkt mit sehr hohen Preisen gehandelt wird – leider außerhalb meines Budgets).
Die Casca II mit ihrer Objektivausstattung dürfte auch meinen M39-Objektiven Pate gestanden haben. Alle drei Objektive gab es auch mit dem Bajonettanschluss für die Casca, und in ihrer Verarbeitungsqualität und den optischen Eigenschaften stehen sie für den Qualitätsanspruch eines berühmten deutschen Traditionsherstellers. Alle drei Objektive sind mehr oder weniger ungewöhnlich in ihrer optischen Konstruktion.
Ich habe mit den drei Objektiven (und einer Schraubleica) einen Spaziergang durch den Rostocker Stadthafen gemacht; alle Bilder – soweit nicht anders angegeben – sind auf Rollei Retro 400S aufgenommen und vom Negativ gescannt. Die Objektive habe ich jeweils ein paar Blenden abgeblendet; echte Testaufnahmen können gern andere machen, ich fotografiere einfach nur damit, wie mit all dem alten Zeugs.
Orthostigmat 4.5/35 mm

Der Orthostigmat 4.5/35 mm trägt den berühmten Namen einer großen Objektivkonstruktion aus dem späten 19. Jahrhundert; der 1893 gerechnete Orthostigmat war ein symmetrisches sechslinsiges Objektiv mit vollständig verkitteten 3-linsigen Linsengruppen beiderseits der Blende (so ein Ding habe ich auch in meiner Sammlung, das ist aber einen eigenen Bericht wert). Mit dem historischen Vorbild hat das kleine Weitwinkelobjektiv den symmetrischen Aufbau mit sechs Linsen gemein, allerdings wurden die verkitteten Linsengruppen getrennt, sodass sich nun beiderseits der Blende je drei Linsen in zwei Gruppen befinden, die beiden äußeren Gruppen sind aus zwei Linsen verkittet. Damit entspricht dieser Orthostigmat konstruktiv sehr weitgehend dem von Zeiss für die Contax-Sucherkamera konstruierten Orthometar aus dem Jahr 1937. Es kann nicht viele Kleinbild-Weitwinkel mit dieser Konstruktion gegeben haben; wahrscheinlich ist dieser Objektivtyp wegen seiner kurzen Schnittweite – wie so viele gute Weitwinkel-Konstruktionen – angesichts der Dominanz der Spiegelreflexkameras obsolet geworden. Interessant und auffällig sind die „Mickymaus-Ohren“ am Fokusring, die die Fokussierung erleichtern sollen.

Abgeblendet zeichnet das Objektiv scharf und kontrastreich über den allergrößten Teil des Bildfelds, die äußersten Bildecken bleiben etwas weich. Das ist gut für ein Kleinbildobjektiv aus den frühen 50ern des letzten Jahrhunderts. Wahrscheinlich werden beim Aufblenden noch etwas größere Bereiche des Bildrandes weicher – keine Ahnung, habe ich nicht ausprobiert.
Quinar 2/50 mm

Das M39-Quinar 2/50 mm wird gern mit dem gleichnamigen Objektiv gleicher Lichtstärke und Brennweite für die Braun-Paxette verwechselt, das tückischerweise auch einen 39mm-Schraubanschluss hat (aber eine andere Schnittweite als die Leica-kompatiblen Objektive!). Das Paxette-Objektiv ist aber eine ganz andere optische Konstruktion (Doppel-Gauß- Konstruktion mit sechs Linsen in vier Gliedern) als das M39-Objektiv für die Leica, das nämlich eine Sonnar-Konstruktion mit sechs Linsen in drei Gliedern ist. Das Objektiv hat noch die Besonderheit, dass es sich im Nahbereich bis 60 cm einstellen lässt (obwohl der Entfernungsmesser der Schraubleica keine Entfernungen unter 1 m messen kann). Das Leica-Quinar ist auf dem Sammlermarkt selten, gesucht und deswegen sehr teuer, manche Anbieter auf den üblichen Verkaufsplattformen versuchen dann, die hohen Preise auch für das Paxette-Objektiv durchzusetzen, das aber konstruktiv einfacher ist und deutlich häufiger am Markt auftaucht.
Offenbar hat da jemand in der Konstruktionsabteilung bei Steinheil sehr in Richtung Zeiss geschielt, als die Objektive für die Casca entwickelt wurden…

Die Bilder sind alle überall scharf und kontrastreich. Erwartungsgemäß ähnelt die Abbildungscharakteristik der des Zeiss Sonnars aus derselben Zeit, gar nicht schlecht. Wegen der relativ weit vorstehenden Frontlinse habe ich eine Sonnenblende verwendet; man kann die Aufsteckblenden für die Leica-Objektive mit 39mm Filterdurchmesser nehmen, allerdings sitzen die dann nur lose, da muss man aufpassen, sie nicht zu verlieren.
Culminar 2,8/85

Auch das dritte hier vorgestellte Objektiv, das Culminar 2,8/85 mm, ist in gewisser Weise von einer Zeiss-Konstruktion inspiriert; wie so viele andere Objektive dieses Brennweitenbereichs ist es ein Tessar-Typ, der auf die Rechnung von Paul Rudolph im Jahre 1902 zurückgeht. Allerdings wurde bei Steinheil für das Culminar die Konstruktion umgedreht und das Kittglied vor die Blende gesetzt.
Abgeblendet ist das Objektiv sehr scharf und kontrastreich. Auch dieses Objektiv muss wegen der vorstehenden Frontlinse unbedingt mit einer Sonnenblende benutzt werden, sonst gibt es hässliche Reflektionen.

Das Culminar gibt es auf dem Gebrauchtmarkt recht häufig, daher gibt es auch viele Rezensionen dieses Objektivs, die von enthusiastisch bis vernichtend reichen.
Man muss ja mal anmerken, dass die besondere Betonung der Qualität der Unschärfe („Bokeh“) eine neuere Mode ist; als diese Objektive gebaut wurden, galt es als Tugend, auf den Bildern alles von vorn bis hinten scharf zu haben, aufgeblendet wurde nur bei zu wenig Licht, nicht aus künstlerischen Gründen (wer es unschaf haben wollte, konnte ja das Imagon nehmen). In den alten Fotolehrbüchern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es eigentlich keine qualitiative Bewertung der Bildunschärfe, man möge nur den unruhigen Bildhintergrund meiden. Wer heute die Bildqualität eines Culminar an seiner Abbildungsqualität bei Offenblende und im Unschärfebereich misst, tut ihm Unrecht, dafür war es nicht gemacht.
Aber gut, was andere auch schon bemerkt haben, lässt sich auch hier schön zeigen:

Bei offener Blende gibt es dieses „bubbly bokeh“, das sich kreativ einsetzen lässt und das einige schätzen und andere hassen – Geschmackssache. Etwas abgeblendet ist der Übergang von der Scharfe in die Unschärfe weich und entspricht meinem Geschmack eher:

Fazit
Wenn man sie nicht quält, können diese Objektive auch ein Dreivierteljahrhundert nach ihrer Herstellung noch gute Bilder machen. Die mechanische Qualität der recht schweren, aber sehr kompakten Objekitve ist beeindruckend, wenn man das mal mit dem heutigen Plastikkram vergleicht. Es ht mir viel Freude gemacht, damit zu fotografieren.