Frühe M42-Objektive an der Contax F

Ich habe meine Contax F seit mehr als 20 Jahren, meistens steht sie in der Vitrine. Ein Fehler: Diese mechanischen Kameras wollen gelegentlich benutzt werden. Meine hat mir die lange Standzeit übel genommen – ich musste sie zur Wartung in eine Fotowerkstatt geben. Danach stand sie erstmal wieder in der Vitrine und machte mir ein schlechtes Gewissen. Mein Blog-Projekt ist nun der Anlass, sie mit ein paar mehr oder weniger zeitgenössichen Objektiven in die Tasche zu stecken und einen Gang um den See zu machen. Das ist die Ausbeute, soweit vorzeigbar:
Carl Zeiss Jena Flektogon 4/25 mm

Das Flektogon 4/25 mm passt so gerade noch in die Bauzeit der Contax F – es wurde erst seit 1960 angeboten. Kleinbildobjektive für Spiegelreflexkameras mit einem Bildwinkel von 80 Grad gab es bis dahin nicht. Eine genaue Übersicht über Technik und Geschichte des Objektivs gibt es hier.
Das Objektiv hat eine für seine Zeit und die erbrachte Pionierleistung ziemlich gute Abbildungsleistung. Carl Zeiss Oberkochen legte leistungsmäßig mit dem Biogon 4.5/21 mm für die Contax IIa/IIIa die Latte für die KB-Weitwinkelfotografie mit etwas extremeren Winkeln schon Mitte der 50er Jahre extrem hoch, aber davon hatten die Benutzer einer Spiegelreflexkamera nichts (es sei denn, man nahm eine Contarex und benutze sie mit hochgeklapptem Spiegel als Sucherkamera).
Das Flektogon will abgeblendet werden, damit es bis in die Ecken scharf ist, aber wie man hier sehen kann, kann man dann mit den Bildergebnissen auch heute noch gut arbeiten – wenn man damit leben will, so einen Trumm mit sich herumzutragen. Die Verarbeitungsqualität des Objektivs scheint nicht mehr ganz das Niveau der ersten Nachkriegsgeneration zu haben, aber insgesamt war ich positiv überrascht von den Ergebnissen.
Meyer Görlitz Primagon 4/35 mm

Das war das einzige vorzeigbare Bild, das ich am See mit dem Primagon hinbekommen habe – mea culpa, das Primagon kann nichts dafür, das ist nämlich ein unerwartet leistungsfähiges Objektiv. Auch diese Konstruktion verdankt – wie das Biotar – ihre Existenz der großen benötigten Schnittweite aufgrund des Spiegelkastens. Dieses Problem löst bei Weitwinkeln die von Angenieux Anfang der 1950er Jahre eingeführte „Retrofocus“-Bauweise mit einem zerstreuenden Element vor dem eigentlichen Objektiv. Zeiss hatte ein so konstruiertes 2,8/35mm Flektogon im Angebot, Meyer verkaufte – an die weniger betuchte Kundschaft – ab 1956 das Primagon. Das Objektiv ist, von der Rückseite gesehen, ein simples Triplet aus drei einzelnen Linsen, vor das die Frontlinse als Zerstreuungslinse gesetzt wurde. Einfacher kann ein Retrofocus-Weitwinkel nicht konstruiert sein. Mehr scheint es aber auch nicht zu brauchen – die Abbildungsqualität liegt vielleicht nicht ganz auf dem Niveau des berühmten Zeiss Biogon 2,8/35mm (bei dem die Rücklinse bis fast in die Bildebene ragt und das deshalb für eine Spiegelreflex ungeeignet war), ist aber selbst aus heutiger Sicht durchaus befriediegend. Genauere Informationen gibt es hier.
Carl Zeiss Jena Biotar 2/58 mm

Das Biotar 2/58 mm war die gegenüber dem Tessar lichtstärkere Option für ein Normalobjektiv an der Contax. in früheren Fassungen wurde es mit einer Vorwahlblende versehen, bei der der Blendenring vor der Aufnahme manuell auf die vorgewählte Arbeitsblende gedreht werden musste; damit konnte die Arbeitsblende „blind“ eingestellt werden, ohne die Kamera vom Auge zu nehmen. Die Version, die mit der Contax F angeboten wurde, verfügt über eine Springblende, bei der der Blendenring auf die vorgewählte Blende eingestellt und gegen eine Federspannung gespannt werden muss. Beim Auslösen der Kamera wird dann über einen Stößel am Objektiv die Schließmechanik ausgelöst und das Objektiv auf die Arbeitsblende eingestellt, sodass bis unmittelbar vor der Auslösung die Einstellung noch mit Offenblende möglich ist.
Das Objektiv zeichnet weit geöffnet relativ weich und wenig kontrastreich, wird aber bei Abbblendung schnell scharf und unterscheidet sich dann in der Abbildungsqualität nicht mehr wesentlich von deutlich moderneren Objektivkonstruktionen. Ausführliche Informationen zur Geschichte und historischen Bedeutung dieses Objektivs finden sich hier.
Carl Zeiss Jena Biometar 2,8/80 mm

Ein Biometar 2.8/80 mm war für viele Jahre das Normalobjektiv an einer Pentacon SIX. Bevor dieses jedoch angeboten wurde, gab es seit der frühen Nachkriegszeit auch ein (1948 für die Rolleiflex 6×6 gerechnetes) Biometar 2,8/80 mm, das später für Kleinbildkameras wie die Praktina und die Contax SLR gefasst wurde; die hergestellten Stückzahlen waren wohl infolge des recht hohen Preises und der geringen Nachfrage eher niedrig, auf dem Gebrauchtmarkt ist es nicht so sehr häufig zu finden. Auch wenn der Gedanke nicht fern liegt, dass hier dieselbe Objektivkonstruktion, eine 5-Linsige Doppelgauß-Variante entsprechend dem eng verwandten, an der Rolleiflex verwendeten Schneider Xenotar, nur unterschiedlich gefasst wurde, ist die Version für die Pentacon SIX eine neuere Rechnung von 1956, so dass es sich bei dem Kleinbild-Biometar um eine eigenständige Version handelt. Genauere Informationen gibt es hier.
Die Abbildungscharakteristik ähnelt der des Biotar – offen ist es sehr weich und wenig kontrastreich, abgeblendet steigern sich Schärfe und Kontrast deutlich.
Echte Objektivtests können gern andere durchführen, mir ging es nur darum, die Dinger mal aus dem Schrank zu holen und unter realistischen Arbeitsbedingungen Bilder damit zu machen. Es erweist sich einmal mehr, dass auch alte Objektive unter guten Einsatzbedingungen in der Lage sind, brauchbare Bilder zu produzieren, zumal in Schwarzweiß; klar ist aber auch, dass solche Objektive bei offener Blende nicht an die Leistungen modernerer Rechnungen herankommen. Das führt dann in dem Bereich, in dem Abbildungsfehler als Gestaltungsmittel eingesetzt werden können, um den Bildern einen eigenständigen Charakter zu verleihen. Das genauer zu erkunden ist aber ein Thema für sich.